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Ich habe dieses Buch betreten wie einen Zauberwald 

Denis Scheck

Der Fallmeister

Nach den Bestsellern »Atlas eines ängstlichen Mannes« und »Cox oder Der Lauf der Zeit« erzählt Christoph Ransmayr in seinem Roman »Der Fallmeister« virtuos und mit großer Sinnlichkeit von menschlicher Schuld und Vergebung. Im tosenden Wildwasser stürzt ein Langboot die gefürchteten Kaskaden des Weißen Flusses hinab. Fünf Menschen ertrinken. Der »Der Fallmeister« , ein in den Uferdörfern geachteter Schleusenwärter, hätte dieses Unglück verhindern müssen. Als er ein Jahr nach der Katastrophe verschwindet, beginnt sein Sohn zu zweifeln: War sein jähzorniger, von der Vergangenheit besessener Vater ein Mörder? Die Suche nach der Wahrheit führt den Sohn des Fallmeisters tief zurück in die eigene Vergangenheit: Getrieben von seiner Leidenschaft für die eigene Schwester und der Empörung über das Schicksal seiner aus dem Land gejagten Mutter, folgt er den Spuren seines Vaters. Sein Weg führt ihn durch eine düstere, in Kleinstaaten zerfallene Welt. Größenwahnsinnige Herrscher ziehen immer engere Grenzen und führen Kämpfe um die Ressourcen des Trinkwassers. Bildmächtig und mit großer Intensität erzählt Christoph Ransmayr von einer bedrohten Welt und der menschlichen Hoffnung auf Vergebung.

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Gespräch zwischen Christoph Ransmayr und seiner Lektorin

Petra Gropp: Die ersten Kapitel zu dem Roman »Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten« sind vor vielen Jahren entstanden. Lieber Christoph Ransmayr, wieso hat Sie diese Geschichte in all der Zeit nicht losgelassen?

Christoph Ransmayr: Ich will in meiner erzählerischen Arbeit mit jedem neuen Thema so etwas wie einen unbekannten Planeten ansteuern – und betreten. Wenn ich etwa vor vielen Jahren der Geschichte einer Hocharktis-Expedition aus dem vorletzten Jahrhundert gefolgt bin, habe ich in der nächsten von einem verbannten römischen Dichter erzählt, in er folgenden wiederum von den Verwüstungen einer fiktiven Nachkriegszeit. Der Fallmeister war ursprünglich Teil dieser dritten, »Morbus Kitahara« überschriebenen Nachkriegsgeschichte. Ich habe aber im Lauf der Erzählarbeit das Fallmeisterthema herausgelöst und war später lange unentschlossen, welche Koordinaten ich dieser Geschichte zuordnen sollte, bis ich endlich auf ein Datum und einen Ort in der Zukunft gestoßen bin: Der Fallmeister nun als ein auf die Zukunft gerichtetes Gedankenspiel. Mein langes Zögern hatte allerdings auch mit der Tatsache zu tun, daß mein Vater, als unehelicher Sohn einer unglücklichen Köchin der Enkel eines Fallmeisters war, der mit Steinsalz befrachtete Zillen über ein System von Schleusen über einen Wasserfall nahe meinem Heimatdorf abgesenkt hatte. Ich wollte allerdings weder in diesem noch in anderen Romanen in mein eigenes oder das Leben meines Vaters eintauchen. Ich lese gelegentlich autobiographische Erzählungen mit Interesse, will aber selber keine schreiben. Erst nachdem also biographische Verbindungen aufgelöst oder gekappt waren und der Ort einer erfundenen Handlung in die Zukunft verlegt, habe ich den Versuch begonnen, von einem »Fallmeister« zu erzählen.

Petra Gropp: Der Roman berührt viele unterschiedliche Themen: Man kann ihn als Vater-Sohn-Geschichte lesen, als Roman einer Familie. Zugleich entwirft »Der Fallmeister« ein Bild unserer verfinsterten Gegenwart oder Zukunft, es wird von Kämpfen um natürliche Ressourcen erzählt, das Wasser spielt eine zentrale Rolle. In diesem Sinne ist er ein sehr politischer Roman. Es geht um Nostalgie und die Sehnsucht, in eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit zurückzukehren. In einem existentiellen Sinne erzählt der Roman von menschlicher Hybris und Schuld. Das Schlussbild zeigt einen Menschen, der alleine vor dem Meer steht und bei allen Verirrungen vielleicht auf Vergebung hofft.

Christoph Ransmayr: Ich will nie festlegen, welcher Aspekt eines Romans für mich der wichtigste werden soll. Gewichtungen ändern sich mit jedem Kapitel, jeder Perspektive. Selbst wenn man einem Geschichtenerzähler bloß zuhört, merkt man ja am Wechsel der Tonfälle, an der Lautstärke, an der Sparsamkeit oder des Überreichtums seiner Gesten, in welcher Beschreibung und welchem Detail er gerade aufgeht. Wenn ich ein Programm etablieren wollte, nach dem die einzelnen Bilder, Sätze und Handlungen einer Erzählung einer Hierarchie der Bedeutungen untergeordnet werden sollten, würde ein – möglicherweise kunstvolles - Konstrukt entstehen. Ich habe aber in meiner erzählerischer Arbeit immer auch darauf geachtet, Konstruktionen nur als so etwas wie Wittgensteinsche Leitern zu verwendeten, die abgestoßen werden, wenn man auf ihnen hochgestiegen ist. Das Erzählen ist schließlich ein Prozess, der über alle Pläne und ursprünglichen Absichten hinausreichen sollte.

Ich wollte beispielsweise am Anfang dieses Romans nicht wissen, wie er enden würde und ließ offen, ob der beschriebene Fallmeister von seinem Sohn zu recht oder unrecht verdächtigt und beschuldigt wurde. Nicht anders als in realen Geschichten, wenn sie denn von handelnden Personen berichten, sind auch die Gestalten eines Romans nicht bloß Schachfiguren, die vorbestimmte Züge oder Strategien exekutieren, sondern sie handeln, d.h. sie stellen das, was ursprünglich geplant, intendiert, geträumt oder bloß ersehnt war, im Lauf ihrer Lebenszeit in den Schatten, verwandeln Absichten in ihr Gegenteil und geben so dem Leben ungeahnte Richtungen. Dieser Dynamik möchte ich folgen, wenn ich zu erzählen beginne und sage: Es war einmal.

Christoph Ransmayr liest aus seinem Roman »Der Fallmeister«

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Leseprobe »Der Fallmeister«

1 Der Große Fall

Mein Vater hat fünf Menschen getötet. Wie die meisten Mörder, die bloß Tastaturen, Hebel oder Kippschalter bedienen, wenn sie für einen maßlosen Augenblick die Herrschaft über Leben und Tod an sich reißen, berührte er dabei kein einziges seiner Opfer oder sah ihm auch nur in die Augen, sondern flutete über eine Reihe blanker Stahlwinden eine der Flußschiffahrt dienende Bootsgasse. Der durch die geöffneten Schleusentore freigesetzte Wasserschwall verwandelte diese Gasse, einen schmalen, aus Lärchenbalken gezimmerten Kanal, in  einen reißenden Abfluß. Ein darin eben noch driftendes, mit zwölf Menschen besetztes Langboot glitt dadurch nicht wie vorgesehen in ruhiger Fahrt vom Ober- in den Unterlauf des Weißen Flusses, sondern schoß in jäher Beschleunigung zwischen bemoosten Felswänden talwärts. Dort, wo die Bootsgasse wieder in das alte Flußbett einmündete, ließ der Schwall das Langboot wie von einer Riesenfaust getroffen umschlagen und kieloben durch brodelnde  Kehrwasserwirbel davontaumeln.

Im Donnern des Großen Falls, jenes mehr als vierzig Meter hohen Wasserfalls, der durch ein von meinem Vater fast dreißig Jahre lang reguliertes, ja beherrschtes Kanalsystem sicher umfahren werden konnte, wurden sowohl die Entsetzensschreie der an den felsigen Ufern versammelten Zeugen des Untergangs als auch die Schreie und Hilferufe der Gekenterten und Ertrinkenden unhörbar. Der Weiße Fluß und sein von Flößern und Bootsleuten über Jahrhunderte gefürchteter Fall schluckten jeden Laut, der nicht zu den Wirbeln, nicht zur Gischt, nicht zum Widerhall des gegen die Felsen tobenden Wildwassers gehörte.

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